Manchmal sind es die Orte, nach denen man gar nicht gesucht hat, die einem besonders lange im Gedächtnis bleiben. So ging es uns mit Gothmund. Eigentlich waren wir auf der Suche nach Informationen für einen anderen Beitrag, als wir eher zufällig auf ein paar Bilder dieses kleinen Fischerdorfes an der Trave stießen. Und plötzlich war unsere Neugier geweckt. Was war das für ein Ort mit den kleinen Reetdachhäusern, den Holzstegen und den Fischerbooten, der mitten in Lübeck zu liegen schien und doch so ganz und gar nicht nach Stadt aussah? Also machten wir uns auf den Weg.

Heute gehört Gothmund zum Lübecker Stadtteil St. Gertrud und liegt direkt an der Trave. Die historische Fischersiedlung hat ihren ganz eigenen Charakter bewahrt und gehört zu den besonderen Kulturlandschaften Lübecks.
Die ursprüngliche Siedlungsstruktur mit ihren dicht aneinandergereihten Fischerkaten, dem schmalen Fischerweg und den zum Wasser ausgerichteten Gärten ist bis heute deutlich erkennbar.

Auf der Suche nach Gothmund
Damals war Gothmund für uns tatsächlich noch ein kleiner Geheimtipp. Auf unseren üblichen Karten war der Ort kaum auszumachen und selbst bei Google Maps musste man schon ziemlich genau wissen, wonach man suchte.

Natürlich hätten wir einfach das Navi einschalten können. Aber ein bisschen Abenteuerlust gehört für uns zu solchen Entdeckungen dazu. Also fuhren wir eher nach Gefühl und Instinkt, während wir uns fragten, ob wir dieses kleine Fischerdorf wohl tatsächlich finden würden.
Und dann fanden wir es. Oder besser gesagt: Wir standen plötzlich davor. Und uns blieb erst einmal der Mund offen stehen. Ein Fischerdorf wie aus einer anderen Zeit.

Zunächst fiel unser Blick auf die kleinen Reetdachhäuser und ihre liebevoll angelegten Gärten. Zwischen den Häusern hindurch konnte man bereits die Trave erahnen. Je weiter wir hineingingen, desto mehr wurde deutlich, dass Gothmund kein Ort ist, den man einfach schnell im Vorbeigehen anschaut. Hier lohnt es sich, langsam zu werden.

Durch die historische Siedlung führt der schmale Fischerweg. Einen zentralen Dorfplatz gibt es nicht. Stattdessen reihen sich die Häuser entlang des Weges, während sich auf der Wasserseite Gärten, kleine Schuppen, Steganlagen und Bootsanleger zur Trave hin öffnen. Die besondere Lage zwischen dem steil abfallenden Ufer und dem Wasser hat das Erscheinungsbild Gothmunds entscheidend geprägt.
Und genau das war es, was uns damals so beeindruckte. Es war nicht nur ein schönes Haus oder ein besonders hübscher Garten. Es war das Zusammenspiel aus allem: Reetdächer, Holz, Schilf, Wasser, Boote und diese unglaubliche Ruhe.

Woher kommt Gothmund?
Die Geschichte der Fischersiedlung reicht weit zurück. Gothmund entstand ursprünglich aus einer Absteige- und Schutzhütte der Lübecker Stadtfischer. Auf dem schmalen Streifen zwischen Trave und Steilhang entwickelte sich im Laufe der Zeit eine kleine Siedlung, in der die Fischer lebten und ihrer Arbeit nachgingen. Die besondere Topografie ließ dabei ein ungewöhnliches Dorf entstehen: Statt eines klassischen Ortskerns führt der Weg zwischen den Häusern hindurch und verbindet die Siedlung mit dem kleinen Hafen.
Bereits im Jahr 1502 wurde Gothmund in einem Protokoll der Lübecker Ratsversammlung erwähnt. Der kleine Hafen diente den Fischern als Zwischenstation, um ihre Wege von den Fanggebieten zu verkürzen.

Im Laufe der Jahrhunderte hat Gothmund einiges erlebt. Sturmhochwasser und ein verheerender Brand haben Spuren hinterlassen. Besonders der Brand von 1893 prägte das heutige Erscheinungsbild der Siedlung: Zehn Gebäude wurden damals zerstört und anschließend in ähnlicher Bauweise wieder errichtet. Einige der älteren Katen blieben erhalten. Noch heute lässt sich diese Teilung in einen älteren und einen nach dem Brand entstandenen Bereich erkennen.
Dass Gothmund seinen besonderen Charakter bewahren konnte, ist deshalb alles andere als selbstverständlich.

Kleine Häuser, große Geschichten
Was uns bei unserem ersten Besuch besonders auffiel, waren die vielen liebevoll gepflegten Gärten. Natürlich merkt man dem einen oder anderen Grundstück an, dass hier Menschen leben, die schon ein paar Jahrzehnte mehr Lebenserfahrung haben als wir. Und vielleicht sah manches tatsächlich ein bisschen so aus wie früher bei unseren Großeltern. Aber genau das passte hierher. Es wirkte nicht herausgeputzt für Besucher, sondern einfach gewachsen.
Und dann waren da diese kleinen Dinge, die man nur entdeckt, wenn man sich Zeit nimmt. Zum Beispiel die Hochzeitstruhen, die damals vor mehreren Häusern standen. Für uns ein ungewohnter Anblick. Eine Truhe, die einfach draußen neben dem Hauseingang steht? Da kommt man natürlich ins Grübeln.
Und genau solche kleinen Entdeckungen machen für uns den Reiz von Gothmund aus.

Der kleine Hafen an der Trave
Besonders schön fanden wir die Gärten entlang des Fischereihafens. Viele Grundstücke verfügen über eigene kleine Bootsanleger und öffnen sich zur Wasserseite. Man steht dort, schaut über das Schilf auf die Boote und denkt unweigerlich: Hier zu wohnen muss wunderschön sein.

Und gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass Gothmund kein Freilichtmuseum ist. Die hübschen Reetdachhäuser, Gärten und Stege sind das Zuhause von Menschen. Was für uns als Besucher wie eine kleine Zeitreise wirkt, ist für die Bewohner ganz einfach ihr Alltag. Das macht den Ort vielleicht sogar noch besonderer, denn Gothmund ist nicht nur Kulisse.
Die historische Siedlung ist bis heute mit dem Leben an der Trave verbunden. Die Fischertradition gehört weiterhin zum Ort, auch wenn sich das Leben in den alten Katen natürlich verändert hat. Die Stadt Lübeck beschreibt Gothmund ausdrücklich als authentisches Zeugnis eines vorindustriell geprägten Fischerorts.
Und dann zieht plötzlich ein großes Schiff an diesem kleinen Fischerdorf vorbei. Damals konnten wir beobachten, wie eine Ostseefähre der Reederei Finnlines langsam auf der Trave in Richtung Lübeck fuhr. Ein ziemlich beeindruckender Kontrast: hier die kleinen Fischerboote an den Holzstegen und dort ein großes Schiff auf dem Wasser. Die Ostsee ist schließlich nicht weit entfernt.

Als Gothmund zum Künstlerort wurde
Was wir bei unserem damaligen Besuch noch gar nicht wussten: Gothmund war nicht nur für uns ein Ort, der sofort eine besondere Wirkung entfaltete. Schon seit den 1880er-Jahren zog die Fischersiedlung Künstler an.
Maler wie Gustav Wendling und Ernst Eitner kamen nach Gothmund, um die ursprüngliche Siedlung, die Fischerhäuser, die Menschen und die Landschaft an der Trave auf Leinwand festzuhalten. Gothmund entwickelte sich zu einem Künstlerort, der über Jahrzehnte Kunstschaffende aus verschiedenen Teilen Deutschlands anzog.
Und wenn man heute durch den Fischerweg geht, kann man durchaus nachvollziehen, was sie hier gesucht haben. Diese Mischung aus Licht, Wasser, Reetdächern und Weite ist einfach besonders.
Interessant ist dabei, dass Gothmund auch heute noch Künstler inspiriert. Der Lübecker Künstler Heiko Jäckstein beschäftigt sich seit 2013 intensiv mit dem Ort und seiner Geschichte und hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Motive aus Gothmund und der Umgebung festgehalten.

Eine kleine Geschichte aus der Franzosenzeit
Bei unseren Recherchen stießen wir damals noch auf eine Geschichte, die uns besonders gut gefiel. Während der Lübecker Franzosenzeit von 1806 bis 1813 sollen französische Soldaten Gothmund vom Land aus zunächst gar nicht entdeckt haben. Erst von der Wasserseite aus wurden sie auf die versteckte Fischersiedlung aufmerksam.
Die hiesigen Fischer sollen daraufhin einen ziemlich cleveren Plan gehabt haben: Sie bewirteten die Soldaten offenbar so reichlich mit Schnaps, dass diese nach drei Tagen zwar wieder abzogen, sich später aber angeblich nicht mehr daran erinnern konnten, wo genau sie gewesen waren. Ob sich die Geschichte tatsächlich genau so zugetragen hat, sei einmal dahingestellt. Aber als kleine Gothmunder Anekdote gefällt sie uns bis heute.
Wenn das mit dem Vergessen doch immer so einfach wäre … 😉
Warum Gothmund bis heute besonders ist
Vielleicht ist es genau diese Mischung, die Gothmund so besonders macht. Die historischen Reetdachkaten. Der schmale Fischerweg. Die kleinen Gärten. Das Schilf. Die Boote. Die Trave. Und dazwischen Menschen, die hier leben und diesem besonderen Ort seinen Charakter geben.

Gothmund steht heute unter Denkmalschutz. Die historische Siedlungsstruktur mit ihren Gebäuden, Freiflächen, Steganlagen und Schuppen gilt als herausragendes siedlungsgeschichtliches Dokument im Lübecker Stadtgebiet. Und trotzdem fühlt sich ein Spaziergang hier nicht wie der Besuch eines Museums an. Vielleicht ist genau das das Schönste daran. Man kann einfach durch den Fischerweg schlendern, sich die Häuser anschauen, über das Wasser blicken und dabei versuchen, ein wenig langsamer zu werden.
Unser Fazit
Unser erster Besuch in Gothmund liegt inzwischen viele Jahre zurück. Und trotzdem erinnern wir uns noch sehr gut an diesen Moment, als wir zum ersten Mal zwischen den kleinen Reetdachhäusern standen und kaum glauben konnten, dass dieser Ort tatsächlich zu Lübeck gehört. Gothmund ist für uns eines dieser kleinen versteckten Paradiese in Schleswig-Holstein.
Kein Ort, den man im Eiltempo erkunden sollte. Kein Ausflugsziel, an dem man möglichst viele Sehenswürdigkeiten abhaken muss. Gothmund ist ein Ort zum Schauen. Zum Staunen und zum langsamen Entdecken. Vielleicht ist es genau das, was bereits die Künstler vor mehr als hundert Jahren hierhergezogen hat und was uns bis heute nicht ganz loslässt.
Gut zu wissen
Das Fischerdorf Gothmund ist heute jederzeit frei zugänglich. Es liegt im Lübecker Stadtteil St. Gertrud an der Trave und kann unter anderem mit der Buslinie 12 erreicht werden. Auch als Zwischenstation bei einem Ausflug entlang der Trave in Richtung Travemünde lässt sich Gothmund gut einplanen.
Da Gothmund ein bewohntes und denkmalgeschütztes Dorf ist, sollte man bei einem Besuch die Privatsphäre der Bewohner respektieren und die Grundstücke nicht betreten. Gerade weil die kleinen Gärten und Häuser so reizvoll sind, lohnt es sich, bewusst auf dem öffentlichen Weg zu bleiben und den Ort mit offenen Augen zu entdecken.
Häufige Fragen zum Fischerdorf Gothmund
Wo liegt das Fischerdorf Gothmund?
Gothmund liegt direkt an der Trave im Lübecker Stadtteil St. Gertrud. Die historische Fischersiedlung befindet sich nördlich der Lübecker Altstadt und gehört heute zum Stadtgebiet von Lübeck.
Was gibt es in Gothmund zu sehen?
Besonders sehenswert sind die historischen Reetdachkaten entlang des Fischerwegs, die kleinen Gärten, Holzstege und Bootsanleger sowie der Blick auf die Trave. Auch die besondere Siedlungsstruktur macht Gothmund zu einem außergewöhnlichen Ort. Am schönsten lässt sich das Fischerdorf bei einem langsamen Spaziergang entdecken.
Kann man Gothmund besuchen?
Ja. Gothmund ist jederzeit frei zugänglich. Da die historische Siedlung bewohnt ist, sollte man sich als Besucher selbstverständlich auf den öffentlichen Wegen bewegen und die Privatsphäre der Bewohner respektieren.
Wie kommt man nach Gothmund?
Gothmund ist mit dem Auto, Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Die Buslinie 12 fährt regelmäßig zwischen dem Lübecker ZOB beziehungsweise dem Gustav-Radbruch-Platz und Gothmund. Auch für einen Fahrradausflug entlang der Trave eignet sich die Siedlung gut.
Lohnt sich ein Ausflug nach Gothmund?
Für uns ganz eindeutig: ja. Gothmund ist kein klassisches Ausflugsziel mit einer langen Liste an Sehenswürdigkeiten. Gerade die Ruhe, die historische Atmosphäre und die vielen kleinen Details machen den Reiz aus. Wer sich Zeit nimmt und einfach ein wenig durch den Fischerweg schlendert, entdeckt schnell, warum dieser kleine Ort an der Trave schon seit mehr als hundert Jahren Menschen begeistert.
Und weil Gothmund auch beim zweiten Besuch nichts von seinem Zauber verloren hat, haben wir euch natürlich noch einmal mitgenommen: Mittags am Hafen von Gothmund.










4 Kommentare zu „Das Fischerdorf Gothmund – eine kleine Zeitreise an der Trave“
Hallo ihr Beiden,
mit diesem Beitrag habt Ihr mir wieder ein Ausflugsziel schmackhaft gemacht. Was für ein schnuckeliges Dörfchen! Das steht nun mit ganz oben auf der Liste und diese wird immer länger. Warum soll man noch in die weite Ferne reisen, wenn das Schöne doch so nahe liegt?
Danke für diese wunderschöne Perle!
Liebe Grüße
Denise
Moin liebe Denise,
das freut uns.
Seitdem wir so viele tolle Ecken im Norden entdeckt haben, stellen wir uns diese Frage schon gar nicht mehr. 😉
Gothmund zu besuchen lohnt sich in der Tat. Allerdings ist man dort auch schnell mit einem gemütlichen Spaziergang durch. Als Tagesausflug sehr zu empfehlen. Wenn ihr länger bleiben wollt, dann würde ich mir noch andere Dinge mit auf die Liste nehmen z.B. das nahegelegene Dummersdorfer Ufer.
Liebe Grüße,
Claudia
Liebe Autorin,
danke für diesen liebevoll und authentisch geschriebenen Bericht
Moin,
danke. Schön, dass er dir gefallen hat.
Sonnige Grüße von der Westküste,
Claudia