Heute musst du gar nichts schaffen – Warum Nichtstun so schwerfällt

Es ist erstaunlich, wie schnell aus einem freien Vormittag ein kleines Arbeitsprojekt werden kann. Eigentlich wollte man nur gemütlich frühstücken. Dann sieht man die Tasse von gestern, die noch auf dem Schreibtisch steht, und denkt an die Wäsche. Während die Waschmaschine läuft, könnte man ja schon mal das Bad machen. Wenn man sowieso gerade dabei ist, könnte man auch die Bettwäsche wechseln. Und wenn das Bett frisch bezogen ist, wäre es eigentlich ganz schön, noch schnell die Blumen umzutopfen.

Ach, und die Mail. Die könnte man auch noch eben beantworten. Nur eine. Aus dem gemütlichen Vormittag ist inzwischen eine To-do-Liste geworden, die sich offenbar selbst geschrieben hat. Und irgendwo dazwischen sitzt man mit dem zweiten Kaffee und fragt sich, wann genau aus „Ich habe heute frei“ eigentlich „Was kann ich heute alles erledigen?“ geworden ist.

Wir sind ziemlich gut darin geworden, unsere Zeit zu füllen. Manchmal sogar die Zeit, die eigentlich dafür gedacht war, einmal nichts zu tun.

Dann gehen wir spazieren und zählen dabei die Schritte. Wir kochen etwas Gesundes und freuen uns, wenn es gleichzeitig schnell geht. Wir lesen ein Buch, während im Hintergrund die Wäsche läuft. Wir fahren ans Meer und haben natürlich vorher nachgesehen, wo man dort am besten parken, Kaffee trinken und anschließend noch einen schönen Spaziergang machen kann.

Und wenn wir abends ins Bett gehen, sind wir fast ein bisschen stolz darauf, was wir heute alles geschafft haben.

Nur eines haben wir meistens nicht geschafft: Nichts.

Dabei wäre das vielleicht gar nicht so schlecht.

Warum Nichtstun manchmal so schwerfällt

Nichtstun ist nämlich erstaunlich schwer. Zumindest für Menschen, die es gewohnt sind, dass hinter jeder freien Minute schon die nächste Aufgabe wartet. Da liegt man auf dem Sofa und denkt nach fünf Minuten: Eigentlich könnte ich die Schublade mit dem vielen Krimskrams mal sortieren. Man sitzt auf einer Bank und erinnert sich daran, dass zu Hause noch die Spülmaschine ausgeräumt werden muss. Man schaut aus dem Fenster und überlegt, ob man nicht wenigstens noch kurz nach den Mails sehen oder den/die Social-Media-Accounts checken sollte. Und irgendwann fragt man sich, warum man eigentlich so müde ist, obwohl man doch den ganzen Tag gar nichts Besonderes gemacht hat.

Vielleicht liegt es daran, dass wir auch beim Nichtstun ständig irgendwohin wollen. Mehr schaffen. Mehr erleben. Mehr erledigen. Mehr aus dem Tag machen.

Dabei muss aus einem Tag nicht immer etwas werden. Manche Tage dürfen einfach vorbeiziehen.

Vielleicht regnet es. Vielleicht scheint die Sonne. Vielleicht sitzt du eine halbe Stunde mit einem Kaffee da und schaust aus dem Fenster. Vielleicht schläfst du nachmittags auf dem Sofa ein und wachst mit diesem leicht schlechten Gewissen auf, das sich völlig unbegründet neben dich gelegt hat. Lass es liegen. Heute musst du gar nichts schaffen. Nicht die Wäsche. Nicht den Keller. Nicht die Welt.

Und wenn du unbedingt etwas erledigen möchtest, dann vielleicht nur das hier: Geh nach draußen. Such dir einen Platz, an dem du gern sitzt. Nimm nichts mit, was erledigt werden kann. Kein Buch, das noch gelesen werden muss. Kein Handy, das ständig etwas von dir will. Keine Liste. Nur dich. Und dann bleib einfach ein bisschen.

Nichtstun musste ich selbst erst lernen

Ich musste das übrigens auch erst lernen. Als ich angefangen habe, mir solche kleinen Pausen zu erlauben, hat sich das nämlich längst nicht so leicht angefühlt, wie es klingt. Kaum saß ich irgendwo, fiel mir garantiert etwas ein, das noch gemacht werden musste. Ich bin wieder aufgestanden, habe hier noch schnell etwas weggeräumt, dort etwas erledigt und mich dabei wahrscheinlich selbst davon überzeugt, dass das ja gar keine Unruhe sei, sondern einfach vernünftig.

Ein freier Tag war schließlich frei. Aber das bedeutete doch nicht, dass man deshalb den ganzen Tag einfach dasitzen konnte.

Heute weiß ich, wie absurd dieser Gedanke eigentlich war. Wobei „wissen“ und „können“ anfangs zwei ziemlich unterschiedliche Dinge waren.

Ich habe klein angefangen. Nicht mit einer halben Stunde Meditation oder irgendeinem ausgeklügelten Achtsamkeitsritual. Ich habe mich einfach irgendwo hingesetzt. Ans Fenster. In den Garten. Auf eine Bank. Und versucht, nichts daraus zu machen. Nicht denken zu müssen. Nicht planen. Nicht beobachten, um anschließend etwas darüber zu schreiben. Einfach nur schauen.

Manchmal waren es die Vögel. Manchmal eine Biene, die sich hartnäckig durch die Blüten gearbeitet hat. Manchmal war es nur das Licht, das sich über den Garten verändert hat. Und manchmal habe ich wahrscheinlich fünf Minuten lang überhaupt nichts gesehen, weil mir wieder irgendein Gedanke dazwischengefunkt hat. Oder meine Kleine, die mich einfach daran erinnert hat, wie wichtig es ist mit ihr zu kuscheln. Und sonst nichts. Auch das gehört dazu. Man muss beim Nichtstun schließlich nicht auch noch gut sein.

Mit der Zeit wurden aus diesen kleinen Momenten tatsächlich Pausen. Erst fünf Minuten, dann vielleicht zehn. Irgendwann konnte ich sitzen bleiben, ohne sofort das Gefühl zu bekommen, ich müsste eigentlich etwas anderes tun. Und heute kann ich mir solche Pausen mitten im Alltag erlauben, ohne dass gleich dieses kleine schlechte Gewissen neben mir auftaucht.

Das Schönste daran ist vielleicht, dass ich dabei gar nichts Besonderes gefunden habe. Kein Geheimrezept. Keine neue Lebensphilosophie. Nur ein bisschen Zeit, die einmal keinen Zweck haben musste.

Vielleicht hörst du den Wind. Vielleicht siehst du eine Wolke, die aussieht wie gar nichts und trotzdem ziemlich lange interessant bleibt. Vielleicht kommt ein Vogel vorbei, der offensichtlich überhaupt keinen Termin hat.

Du übrigens auch nicht. Zumindest nicht jetzt.

Denn manchmal ist das Wertvollste, was wir an einem Tag schaffen können, ihn nicht vollzustopfen. Und vielleicht stellst du irgendwann fest, dass sich Nichtstun gar nicht nach verlorener Zeit anfühlt, sondern nach Zeit, die endlich einmal dir gehört.

MeerART

Verliebt in den Norden - weil der Norden glücklich macht.

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