Der Sturz einer Königin

Einmal vom Südstrand nach Staberhuk und zurück // Foto: MeerART / Ralph Kerpa

Als ich diese Überschrift las, kratze ich mich erstmal am Kopf, denn die Königin, um die es in diesem Fall geht, ist eine Miesmuschel (Mytilus edulis). Eigentlich ist sie doch ein ständiger Begleiter bei jedem Strandspaziergang, na ja, zumindest was von ihr übrig geblieben ist und genau die soll vom Aussterben bedroht sein?

Das machte mich ein wenig stutzig, denn am Strand zu gehen heißt für mich auch über Muscheln zu laufen. Besonders schöne und heile Exemplare dienen nicht wenigen von uns sogar als Souvenir. Gefühlt befindet sich die Miesmuschel überall in allen Größen und Formen, doch der Schein trügt. Ihr Bestand geht seit gut 15 Jahren stetig zurück.

Impressionen von einem fantastischen Frühlingstag an der Nordsee in St. Peter-Ording // Foto: MeerART

Das ist in der Evolution eigentlich nichts Ungewöhnliches, denn die Natur sorgt hier und da immer mal für derartige Ereignisse. Oft kann da mal ein zu warmer Winter schuld sein, deshalb waren die Wissenschaftler anfangs auch nicht so beunruhigt.

Impressionen von einem fantastischen Frühlingstag an der Nordsee in St. Peter-Ording // Foto: MeerART

Doch als dann wieder kalte Winter kamen und die Bestände sich nicht erholten, schlimmer noch, inzwischen sind in Schleswig-Holstein fast alle Miesmuschelbänke verschwunden, war die Ratlosigkeit ziemlich groß. Die Miesmuscheln produzierten im Frühling fünf bis zehn Millionen Eier, die im Plankton umher schwammen. Daraus entwickelten sich dann vorerst Minimuscheln, die sich überall ansiedelten. Wie gesagt – produzierten. Das ist die Vergangenheit. Und nu?

Winterimpressionen vom Nordseestrand in St. Peter-Ording // Foto: R. Kerpa

Für die Artenvielfalt im Wattenmeer ist das ein echtes Problem. Die Königin des Wattenmeeres hatte nämlich ein artenreiches Gefolge wie Würmer, Krebse und Algen. Sie alle lebten unter ihrem Schutz und waren ebenfalls zahlreich an den Muschelbänken zu finden. Haufenweise Küstenvögel wie die Eiderenten, Möwen oder Austernfischer profitierten davon, da ihnen die Muscheln selbst oder ihre Untermieter als Nahrungsquelle dienten. Was passiert, wenn den Vögeln die Nahrungsgrundlage fehlt, ist wohl klar. Sie leiden Hunger. Die Folge, auch sie werden immer weniger.

Impressionen aus dem wunderschönen und idyllischen Westerhever // Foto: MeerART

Auch hiesige Muschelfischer litten darunter. Die hatten aber die Macht des Geldes und die Landesregierung auf ihrer Seite und importierten einfach junge Miesmuscheln aus der Irischen See. Natürlich ohne über eventuelle Konsequenzen nachzudenken. Was es heißt fremde Arten einzuschleppen, sehen wir an der pazifischen Auster. Die breitete sich immer mehr aus und siedelte sich an den ehemaligen Muschelbänken an. Sie hat nun quasi den Platz der Miesmuschel eingenommen. Ist doch alles gut könnte man meinen. Doch weit gefehlt. Ihre harte Schale ist viel zu dick für die meisten Vögel. Sie haben keine Chance diese aufzubekommen und somit fällt sie als Nahrungsgrundlage für hiesige Vögel weg.

Impressionen aus dem wunderschönen und idyllischen Westerhever // Foto: MeerART

Unser Wattenmeer hat aber ein noch weitaus größeres Problem, wie ich neulich bei einem Vortrag erfahren habe. Dass unsere Meere überfischt sind ist ja bekannt, aber meist macht sich das nur in Debatten um irgendwelche Fangquoten und Protesten von Fischern bemerkbar. Was uns allein in der Nordsee inzwischen an Fischen fehlt ist unglaublich, aber dazu werde ich mal einen extra Beitrag machen. In diesem geht es ja um die Miesmuschel.

Impressionen vom alten Fischereihafen aus dem Ostseeheilbad Travemünde in der Lübecker Bucht // Foto: MeerART

Was ich zugeben muss, wenn ich an die Nordsee denke, dann muss ich auch immer an leckere Garnelen denken, die fangfrisch vom Kutter kommen. Ich glaube jedem Nordseebesucher fallen auch die vielen Krabbenkutter auf, die eigentlich immer damit beschäftigt sind Krabben einzuholen. Die haben wir nämlich zu Hauf und genau da liegt das Problem für die Miesmuscheln.

Das Nordseeheilbad Büsum // Foto: MeerART

Garnelen haben durch die Überfischung kaum natürliche Feinde und vermehren sich explosionsartig. Leider schmecken ihnen die Jungmuscheln besonders gut und minimieren die Bestände von Miesmuscheln drastisch. Aber nicht nur die, auch Herz- und Plattmuscheln teilen dieses Schicksal. Als ob es nicht schon traurig genug ist, dass die Garnele die Miesmuschel von ihrem Thron stößt, es war der Mensch, der dies mit der maßlosen Überfischung möglich gemacht hat.

Spaghetti mit Nordseekrabben, Apfel und Lauch // Foto: MeerART

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir selber klar, dass ich an der Nordsee am Strand lange nicht mehr so viele Miesmuscheln sehe wie an der Ostsee. Ganz besonders nachdem ich in unserem Archiv händeringend nach Bildern von Miesmuscheln gesucht und keine gefunden habe.

9 Kommentare zu „Der Sturz einer Königin“

  1. Diese Woche fanden leider viele Krankenhaus-Demonstrationen mit Luftballons statt. Insgesamt ließen die unverantwortlichen 200.000 Luftballons steigen. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft war für diese Umwelt- und Tierfeindlichen Aktionen verantwortzlich. Schade, daß die Menschen im Krankenhauswesen nicht an die Folgen dieser Umweltvermüllung gedacht haben. Ich dachte, daß Menschen, die sich für das Leben starkmachen, solche Aktionen ablehnen würden. Außerdem können sie ja nicht ihre beruflichen Probleme lösen, indem sie der Umwelt und den Tieren mit lebensgefährlichen Luftballons mit Schnüren dran Schaden zufügen. Hier ein passendes Zitat von Anguttara-Nikâya: „Das Denken eines Weisen zeichnet sich dadurch aus, daß er zugleich an das eigene Heil, an das Heil des anderen, an das beiderseitige Heil und an das Heil aller Wesen denkt.“

    1. Liebe Birgit,

      da hast du vollkommen recht. Ich kann mir das eigentlich nur so erklären, dass die einfach nicht wissen was sie tun. Ich glaube, es herrscht einfach immer noch die romantische Vorstellung und das Gefühl, ein Zeichen setzen zu wollen, vor. Leider ein ganz falsches. Ich glaube, wenn jeder von denen wüsste was sie damit der Natur und vor allem den Tieren antun, würden viele sich zweimal überlegen, ob sie Luftballons in der Luft steigen lassen.

      Liebe Grüße,
      Claudia

  2. Liebe Claudia,
    vielen Dank für den interessanten Bericht und wieder einmal wusste ich darüber vorher gar nichts.
    Ich versuche nach bestem Wissen und Gewissen beim Einkauf (und nicht nur dort) zu handeln und bewusst auszusuchen. Aber das ist immer schwieriger geworden statt einfacher.
    Was wäre es so schön einfach, wenn an der Fischtheke gleich stehen würde, ob die Art gefährdet ist oder nicht. Aber wahrscheinlich wäre auch das nicht gut, weil jeder dann die ungefährdeten Arten essen würde und die dann irgendwann auf der Liste der bedrohten Arten stehen würden.
    Aber Nordseekrabben (also die Garnelen) kann ich jetzt erst einmal unbekümmert essen (hoffe ich doch).
    Sonnige Grüße in den Norden
    Martina

    1. Liebe Martina,

      sehr gern. Wie du lesen konntest, waren wir selber sehr überrascht.
      Selbst beim Einkauf ist es trotz viele Prüfsiegel nicht leicht immer das richtige zu kaufen. Wir hatten dieses Thema z.B. auch beim Beachcamp als Rainer Schulz über die Artenvielfalt (die es nicht mehr gibt) im Wattenmeer sprach. Da ging der Vorschlag auch rum, dass es sogar für die hiesigen Restaurants und Lokalitäten richtig wäre, wenn sie hinweisen würden welcher Fisch gefährdet ist und welcher nicht. Dann hat der Gast unmittelbar die Wahl für was er sich entscheidet. Klar trifft es dann vermutlich die derzeit nicht gefährdete Art, aber andere könnten sich erholen. Wenn das dann noch flexibel wäre, hätte die Artenvielfalt tatsächlich eine Chance.

      Zu den Nordseegarnelen kann ich nur sagen… ja es gibt sie derzeit reichlich. Ein unbedenklicher Verzehr ist meines Erachtens aber nur direkt vom Kutter möglich bzw. wenn man weiß dass sie in der Region gepult werden. Alle Krabben die in den Handel kommen, haben eine lange Odyssee hinter sich. Gepult wird meist in Marokko. D.h. lange Transportwege, billige Arbeitskräfte oft chemische Zusätze.

      Liebe Grüße,
      Claudia

      1. Liebe Claudia,
        es ist schon unglaublich, dass die Krabben aus der Nordsee eine halbe Weltreise hinter sich haben, bis sie auf dem Teller liegen. Natürlich nur wegen des Geldes, da es in Marokko oder sonst wo günstiger ist, sie pulen zu lassen – ist das nicht völlig verrückt!

        Wenn ich nächste Woche im hohen Norden bin, kaufe ich sie direkt vom Kutter und ich freue mich darauf und werde sie doppelt genießen.
        Danke Dir, meine Liebe, für diesen sehr guten Beitrag und die Aufklärung.
        Liebe Grüße
        Martina

      2. Liebe Martina,

        du sagst es, es ist völlig verrückt. Was mich immer so wahnsinnig macht, dass es immer nur um Profit geht. Nichts anderes zählt mehr. Da ist es auch völlig egal, ob ein Lebensmittel überhaupt noch gesund ist oder nicht.

        Die Krabben vom Kutter werden bestimmt ein Genuss sein. Lasst sie euch auf der Zunge zergehen. 😉

        Herzliche Grüße,
        Claudia

      3. Liebe Martina,

        habe eben gerade gelesen, dass für ein Kilo Krabben bis zu neun Kilo Beifang im Netz landen. 🙁 Auch nicht schön.

        Liebe Grüße,
        Claudia

  3. Liebe Claudia,
    ach je, das ist sehr deprimierend, so viel Beifang für so wenig Krabben.
    Ich habe gerade eine Studie vom WWF gelesen über Beifang bei der Krabbenfischerei. Im Grunde dürfte man gar keinen Fisch mehr essen. Es ist beinahe wie eine Entscheidung zwischen Pest oder Cholera….
    Liebe Grüße
    Martina

    1. Guten Morgen Martina,

      scheint fast so. Wie schrecklich, dabei lieben wir es Fisch zu essen. Wenn man doch nur die Großindustrie verbieten könnte, dann wäre, glaube ich, schon vielen (Meer und Mensch) geholfen.

      Liebe Grüße,
      Claudia

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