Wann haben wir eigentlich angefangen, nur noch zu funktionieren?

Die Eckernförder Bucht zwischen Traum und Wirklichkeit // Foto: MeerART / Ralph Kerpa

Es gibt Tage, da läuft alles. Wir stehen auf, erledigen, was erledigt werden muss, kümmern uns um andere, treffen Entscheidungen, denken voraus und haben im Blick, was noch ansteht. Wir wissen, wer etwas braucht, was nicht vergessen werden darf und an welcher Stelle wir einspringen müssen, damit alles weiterläuft. Von außen betrachtet ist alles in Ordnung. Wir bekommen unseren Alltag hin. Vielleicht sogar ziemlich gut. Nur wann haben wir eigentlich das letzte Mal gefragt, wie es uns selbst damit geht?

Ich glaube, dass wir oft gar nicht bemerken, wann aus einem ganz normalen Alltag ein Zustand wird, in dem wir nur noch funktionieren. Es geschieht nicht unbedingt von heute auf morgen. Vielmehr schleicht es sich ein, zwischen all den kleinen und großen Dingen, die unsere Aufmerksamkeit brauchen. Wir übernehmen Verantwortung, weil wir es können. Wir kümmern uns, weil es jemand tun muss. Wir stellen eigene Wünsche zurück, weil gerade etwas anderes wichtiger erscheint.

Und irgendwann wird aus einem gelegentlichen Zurückstecken eine Gewohnheit. Wir denken nicht mehr darüber nach, ob wir etwas wirklich möchten. Wir tun es einfach, weil wir es immer getan haben.

Dabei muss das nicht einmal bedeuten, dass wir unglücklich sind. Wir können unser Leben lieben, gern für andere da sein und trotzdem an einen Punkt kommen, an dem wir uns selbst darin ein wenig verloren haben.

Vielleicht ist das Schwierige am Funktionieren, dass es nach außen so lange gut aussieht.

Wenn der Körper leiser spricht als wir selbst

Ich kenne das von mir. Wenn ich das Gefühl habe, mich um alles kümmern zu müssen, weil es sonst nicht läuft, wenn ich zu lange über meine eigenen Grenzen hinweggehe oder mich in einer Situation nicht mehr wohlfühle, dann merke ich es manchmal zuerst an meinem Körper. Meine Stimme verändert sich. Sie wird brüchig, dünn, als würde sie sich langsam zurückziehen.

Für mich fühlt es sich dann manchmal an, als wollte mein Körper mir etwas sagen, das ich selbst noch nicht richtig hören kann: Jetzt hast du nichts mehr zu sagen. Nimm dich zurück. Komm erst einmal wieder bei dir selbst an.

Ich finde dieses Signal bemerkenswert. Denn es macht mir bewusst, dass wir nicht immer erst die passenden Worte für das finden müssen, was in uns vorgeht. Manchmal zeigt sich unser Empfinden auf andere Weise. Wir werden stiller, fühlen uns in unserer Haut nicht mehr wohl oder merken, dass uns eine Situation mehr Kraft kostet, als wir gerade haben.

Natürlich ist nicht jedes körperliche Signal automatisch ein Zeichen dafür, dass wir zu viel leisten oder unsere Grenzen überschreiten. Aber wenn wir anhaltend spüren, dass etwas nicht stimmt, dürfen wir genauer hinsehen, statt es einfach zu übergehen.

Möglicherweise beginnt Veränderung nicht mit einer großen Entscheidung, sondern mit dem Moment, in dem wir uns selbst wieder zuhören. Nicht, weil wir sofort alles anders machen müssen, sondern weil auch wir zu den Menschen gehören, um die wir uns kümmern dürfen.

Drei Frauen und die Frage nach dem eigenen Leben

Wenn ich über dieses Thema nachdenke, begegnet es mir auch in meinen Geschichten. Auf ganz unterschiedliche Weise, mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Lebenswegen. Und doch verbindet die Frauen etwas: Sie alle kennen Phasen, in denen das Leben vor allem aus dem besteht, was getan werden muss.

Da ist Levke, die Frau aus meinem Roman Was Frauen tragen – Die Geschichte von Levke. Sie weiß, wie man einen Hof am Laufen hält. Sie kennt die Bedürfnisse ihrer Familie, trägt Verantwortung und hat gelernt, den Erwartungen gerecht zu werden. Vieles in ihrem Alltag ist selbstverständlich geworden. Sie macht, was getan werden muss, und fragt lange nicht danach, was sie selbst eigentlich möchte.

Erst als ein Unfall sie zum Innehalten zwingt, bekommt diese Frage Raum. Plötzlich kann sie nicht einfach weitermachen wie bisher. Und während sie beginnt, genauer auf ihr Leben zu schauen, entdeckt sie auch die Überzeugungen, nach denen sie so lange gelebt hat, ohne sie wirklich zu hinterfragen.

Levkes Geschichte erzählt nicht davon, dass sie alles hinter sich lassen muss. Es geht vielmehr darum, herauszufinden, was zu ihr gehört und was sie vielleicht nur übernommen hat. Und darum, dass es Mut braucht, den eigenen Wünschen überhaupt erst einen Platz einzuräumen.

Auch Cilia, mit der ich mich in meiner aktuellen Romanarbeit beschäftige, kennt eine solche Phase. Sie ist eine Frau mit ihren eigenen Gedanken, Gefühlen und Vorstellungen vom Leben. Doch auch bei ihr gibt es Zeiten, in denen andere Dinge mehr Raum einnehmen als die Frage danach, was sie selbst braucht und möchte.

Ich finde es spannend, solchen Momenten in Geschichten nachzugehen. Denn häufig sind es keine spektakulären Ereignisse, die etwas in Bewegung bringen. Manchmal genügt ein Gedanke, eine Begegnung oder ein Augenblick, in dem eine Frau plötzlich spürt, dass sie etwas nicht länger übergehen möchte.

Tja, und dann ist da noch die Frau, die diese Geschichten schreibt.

Auch ich kenne das Gefühl, dass der Alltag einen mitnimmt und man selbst dabei ein wenig in den Hintergrund rückt. Nicht alles, was mich beschäftigt, muss ich erzählen. Aber ich glaube, dass gerade solche Beobachtungen meinen Blick auf meine Figuren prägen. Mich interessiert, was hinter dem liegt, was wir nach außen zeigen. Was uns antreibt, was uns festhält und was uns manchmal daran hindert, die eigenen Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen.

Vermutlich schreibe ich deshalb so gern über Frauen, die beginnen, sich selbst wieder Fragen zu stellen. Nicht, weil sie alles falsch gemacht hätten, sondern weil sie irgendwann entdecken, dass es neben all den Erwartungen auch noch eine eigene Stimme gibt.

Wir müssen nicht erst an unsere Grenzen kommen

Vielleicht haben wir gelernt, dass Verlässlichkeit bedeutet, durchzuhalten. Dass wir stark sind, wenn wir alles schaffen. Dass es selbstverständlich ist, für andere da zu sein, und ein wenig egoistisch erscheinen könnte, wenn wir einmal an uns selbst denken. Aber muss das wirklich so sein?

Wir dürfen Verantwortung übernehmen und trotzdem Grenzen haben. Wir dürfen andere lieben, unterstützen und begleiten, ohne dabei jeden eigenen Wunsch zurückzustellen. Und wir dürfen innehalten, auch wenn es keinen offensichtlichen Grund dafür gibt. Wir müssen nicht erst warten, bis unser Körper lauter wird, bis wir erschöpft sind oder das Leben uns auf andere Weise zum Stillstand zwingt.

Vielleicht reicht es manchmal, einen Moment lang nicht sofort weiterzumachen. Nicht gleich die nächste Aufgabe anzupacken, sondern sich zu fragen, was gerade eigentlich los ist. Was Kraft kostet. Was fehlt. Und was uns guttun würde.

Nicht jede Antwort wird sofort da sein. Und nicht jede Veränderung lässt sich von heute auf morgen umsetzen. Schließlich sind unsere Leben miteinander verwoben. Da gibt es Menschen, für die wir Verantwortung tragen, Verpflichtungen, die nicht einfach verschwinden, und Umstände, die wir nicht beliebig verändern können, aber vielleicht muss der erste Schritt auch gar nicht groß sein.

Er könnte damit beginnen, dass wir unsere eigenen Empfindungen wieder ernst nehmen. Dass wir nicht alles, was uns zu viel wird, automatisch als etwas betrachten, das wir eben aushalten müssen. Und dass wir uns zugestehen, nicht immer funktionieren zu müssen, um wertvoll zu sein.

Und was ist eigentlich mit uns?

Wenn ich auf diese drei Frauen schaue – auf Levke, auf Cilia und auf mich –, dann geht es mir nicht darum, dass wir alle dieselben Antworten finden müssen. Unsere Lebenswege sind verschieden. Was für die eine richtig ist, muss für die andere noch lange nicht passen. Aber vielleicht verbindet uns die Möglichkeit, irgendwann innezuhalten und genauer hinzuhören.

Auf das, was wir fühlen. Auf das, was uns fehlt. Auf die leise Stimme in uns, die im Alltag manchmal kaum zu hören ist. Und vielleicht dürfen wir uns dabei eine Frage stellen, die viel einfacher klingt, als sie manchmal zu beantworten ist:

Wann habe ich mich zuletzt gefragt, was ich eigentlich brauche und nicht nur, was gerade von mir gebraucht wird?

Wir müssen nicht auf jede Frage sofort eine Antwort finden. Aber wir können damit beginnen, uns selbst wieder zuzuhören, denn manchmal ist genau das der erste Schritt zurück zu uns selbst.

MeerART

Verliebt in den Norden - weil der Norden glücklich macht.

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