Wir planen unseren Urlaub oft mit erstaunlicher Sorgfalt. Wir suchen nach schönen Orten, vergleichen Unterkünfte, überlegen, was wir unbedingt sehen möchten, und versuchen anschließend, all das in möglichst wenige Tage unterzubringen. Schließlich soll sich die Reise ja lohnen. Wenn wir schon einmal unterwegs sind, möchten wir schließlich etwas erleben. Und während wir noch überlegen, wohin die nächste Reise gehen könnte, übersehen wir manchmal, dass das Schöne längst da ist. Direkt vor unserer Haustür. Es wartet nicht auf eine Buchung, braucht keine lange Anreise und kostet nicht einmal Eintritt.
Vielleicht beginnt dein kleiner Urlaub an einem ganz gewöhnlichen Morgen. Du wachst auf und stellst fest, dass heute nichts von dir erwartet wird. Kein Termin, zu dem du pünktlich sein musst, keine Aufgabe, die unbedingt erledigt werden sollte. Du kannst liegen bleiben, solange du magst, oder früh aufstehen, weil dir danach ist. Der Tag gehört dir, und du musst noch gar nicht wissen, was du mit ihm anfangen möchtest. Ich finde, das ist schon ein ziemlich guter Anfang.

Bei uns beginnt so ein freier Tag mit Tautreten im Garten (ok, das nur für mich ;-)), einer Tasse Tee und einem gemütlichen Frühstück. Wir lassen uns Zeit, schauen, was der Morgen mitbringt und entscheiden irgendwann ganz spontan, worauf wir Lust haben. Manchmal zieht es uns hinaus in die Natur, manchmal bleiben wir einfach zu Hause. Es gibt Tage, an denen wir voller Ideen stecken, und andere, an denen wir nicht einmal eine Idee haben möchten. Beides ist vollkommen in Ordnung. Denn, vielleicht ist genau das der kleine Luxus, den wir uns viel öfter gönnen sollten, und zwar nicht schon vorher festzulegen, wie ein schöner Tag auszusehen hat.
Ein bisschen Weite liegt oft ganz nah
Gerade jetzt im Herbst lohnt es sich, einmal vor die Tür zu gehen und die vertrauten Wege mit anderen Augen zu betrachten. Die Luft ist klarer geworden, das Licht weicher und die Landschaft hat diesen stillen Zauber, der sich nicht aufdrängt. In den Wäldern raschelt das Laub unter den Schuhen, im Park wird es ruhiger, und an der Küste verändert sich das Meer mit jedem neuen Licht, das über das Wasser zieht.
Natürlich ist es wunderbar, am Meer entlangzulaufen und zuzusehen, wie die Sonne auf den Wellen glitzert. Aber wer nicht an der Küste lebt, muss deshalb nicht auf solche Momente verzichten. Auch ein Waldweg, ein Park oder ein kleiner Pfad am Ortsrand kann überraschend viel Ruhe schenken. Manchmal muss man nur ein wenig langsamer werden, um zu entdecken, was einem sonst entgeht.

Ein Tropfen, der an einem Blatt hängt und das Licht einfängt. Eine Feder am Wegesrand. Das Rascheln eines Eichhörnchens im Laub. Vielleicht ein Stück Rinde, ein besonders schöner Stein oder eine Muschel, die man am Strand entdeckt. Wer mit offenem Blick unterwegs ist, findet oft kleine Dinge, an denen er sonst achtlos vorbeigegangen wäre.
Ich mag es, beim Spaziergang den Blick gelegentlich auf den Boden zu richten und nach solchen kleinen Schätzen Ausschau zu halten. Man kommt dabei ganz von selbst zur Ruhe, weil man sich auf das Suchen konzentriert und für eine Weile alles andere in den Hintergrund rückt. Und manchmal wandert ein Fundstück anschließend mit nach Hause. Ein paar schöne Blätter, kleine Zweige oder Steine lassen sich dort mit einer Lichterkette oder einigen Kerzen zu einer herbstlichen Dekoration arrangieren. Eine kleine Erinnerung an einen Tag, an dem man nichts weiter vorhatte, als draußen zu sein.

Und wenn du heute einfach zu Hause bleiben möchtest?
Dann bleib doch einfach. Ein kleiner Urlaub muss schließlich nicht bedeuten, dass wir das Haus verlassen. Vielleicht steht ein Buch schon seit Wochen auf dem Nachttisch und wartet darauf, endlich gelesen zu werden. Vielleicht tut dir eine ruhige Yogastunde gut, während draußen der Wind um die Ecken zieht. Oder du machst dir etwas Leckeres zu essen, setzt dich mit einer Tasse Kaffee ans Fenster und schaust eine Weile hinaus.
Du könntest auch versuchen, einmal ein paar Minuten Löcher in die Luft zu starren. Ohne nebenbei das Handy in die Hand zu nehmen, die Einkaufsliste zu ergänzen oder darüber nachzudenken, was du anschließend noch erledigen könntest. Einfach schauen. An nichts denken. Wobei gerade Letzteres bekanntlich nicht immer so funktioniert, wie man sich das vorstellt. Darüber habe ich im vorherigen Beitrag „Wenn der Kopf zu voll ist“ geschrieben. Kaum nimmt man sich vor, an nichts zu denken, fällt einem garantiert etwas ein. 😉 Aber auch das macht nichts. Du musst nicht einmal beim Nichtstun etwas richtig machen.
Und ganz ehrlich, es spielt keine Rolle, ob du heute lieber etwas unternehmen möchtest, du Lust hast, den Garten ein wenig auf Vordermann zu bringen, oder du überhaupt nichts mit deinen Händen machen möchtest, außer eine Tasse festzuhalten. Wichtig ist nur, dass du einfach mal auf dein Bauchgefühl hörst, wonach dir wirklich ist, statt den Tag mit dem zu füllen, was man angeblich aus einem freien Tag machen sollte.

Denn das ist für mich der eigentliche Gedanke hinter einem kleinen Urlaub. Wir müssen nicht immer etwas erleben, um uns erholt zu fühlen. Und wir müssen auch nicht verreisen, um für eine Weile aus dem Alltag auszusteigen.
Wenn wir das Glück haben, gleich ein paar freie Tage am Stück genießen zu können, umso schöner. Dann dürfen die Morgen langsam beginnen, die Nachmittage offenbleiben und die Abende kommen, ohne dass wir das Gefühl haben, den Tag noch irgendwie sinnvoll abschließen zu müssen. Das tut nicht nur gut, sondern schont ganz nebenbei auch das Urlaubsbudget. Gerade in Zeiten, in denen das Geld bei vielen nicht mehr so locker sitzt, ist das ein schöner Gedanke.
Aber egal ob das Geld knapp ist oder nicht, der Weg dahin, sich frei zu entscheiden, kann anfangs noch ungewohnt sein. Denn im Alltag, ob beim Friseur, im Gespräch mit Freunden oder unter Kollegen – früher oder später kommt meistens die Frage: „Und, wohin geht es in den Urlaub?“ Als wäre das Schönste an der freien Zeit vor allem der Ort, an den wir fahren.

Mittlerweile kann ich aus freien Stücken Antworten: Nirgendwohin. Mein Urlaub beginnt dann, wenn ich nichts muss und einfach nur da sein kann. Und zwar, wenn der Morgen nicht nach dem Wecker fragt, der Tee in Ruhe getrunken wird und wir erst unterwegs entscheiden, wohin uns der Tag führt. Wenn wir einen Spaziergang machen, weil uns danach ist und nicht, weil er auf unserem Programm steht. Oder wenn wir einfach zu Hause bleiben, ohne das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen.
Vielleicht ist das gar nicht die Antwort, die jeder erwartet, aber für uns fühlt sie sich richtig an.
Und wer weiß, vielleicht steckt genau darin der kleine Urlaub, den wir manchmal viel zu weit weg suchen. In einem freien Tag, der nichts von uns verlangt. In einem Spaziergang durch den herbstlichen Wald, ein paar gesammelten Blättern, einem guten Buch oder einem Vormittag, an dem wir einfach sitzen bleiben, denn manchmal liegt das Schöne näher, als wir denken. Wir müssen ihm nur ein bisschen Zeit lassen.


