Der Unfall: Die Geschichte von Levke

Eine kleine MeerPAUSE auf der Hallig Hooge // Foto: MeerART / Ralph Kerpa

Der Wind kam vom Meer. Er rüttelte am Wagen, als Levke den schmalen Wirtschaftsweg entlangfuhr. Links und rechts zogen sich die Gräben durch die dunkle Marsch. Im Licht der Scheinwerfer blitzte das Wasser nur manchmal auf, bevor es wieder in der Nacht verschwand.

Der Regen trommelte gegen die Windschutzscheibe. Die Scheibenwischer arbeiteten gleichmäßig hin und her. Levke blinzelte. Sie wusste nicht einmal mehr genau, wie spät es war. Irgendwann zwischen Nacht und Morgen. Eine Uhrzeit, in der die Welt still war und auf dem Hof doch längst wieder gearbeitet wurde.

Sie kam gerade vom alten Stall. Dort hatte ein Schaf Drillinge bekommen. Zwei der Lämmer standen inzwischen auf wackeligen Beinen neben ihrer Mutter. Das dritte hatte es nicht geschafft. Levke sah den kleinen Körper noch vor sich. Helge hatte nur kurz den Kopf geschüttelt. »Passiert eben.« Mehr hatte er nicht gesagt. Dann hatte er sich dem nächsten Mutterschaf zugewandt. Ruhig. Routiniert. So, wie er es immer tat.

Levke kannte das. Sie wusste, dass man als Schäfer nicht um jedes Lamm trauern konnte. Trotzdem blieb ihr der Kloß im Hals. Vielleicht lag es an der Müdigkeit. Vielleicht daran, dass sie selbst längst das Gefühl hatte, nur noch zu funktionieren. Sie umfasste das Lenkrad etwas fester. Nur noch bis zum Hof. Noch zwei Kurven. Vielleicht drei.

Im Haus schliefen hoffentlich die Kinder. Jonne war in den vergangenen Wochen nachts oft aufgewacht. Dann stand er mit seinem Kuscheltier vor ihrem Bett und wollte einfach nur bei ihr sein. Manchmal brachte Levke ihn gleich wieder zurück in sein Zimmer. Nicht, weil sie ihn fortschicken wollte, sondern weil ihre Kräfte längst nicht mehr reichten. Sie und Helge mussten wenige Stunden später wieder im Stall stehen. Während sie Jonne zudeckte, fragte sie sich jedes Mal, ob sie ihm damit gerecht wurde. Der Gedanke ließ sie nicht los. Wann hatte sie zuletzt einfach nur neben ihren Kindern gesessen? Ohne an die nächste Arbeit zu denken. Ohne innerlich schon beim Stall oder den Rechnungen zu sein. Sie wusste es nicht mehr.

Eine Böe traf den Wagen von der Seite. Die Reifen holperten über eine Unebenheit. Für einen Moment wanderte der Lichtkegel der Scheinwerfer nach rechts. Der Graben lag plötzlich erschreckend nah. Levke nahm den Fuß leicht vom Gas.

Ihre Augen brannten. Die Schultern schmerzten. Die Nacht steckte ihr in jedem Muskel. Ich kann nicht mehr, dachte sie. Nur für einen Wimpernschlag fielen ihr die Augen zu. Als sie sie wieder öffnete, war das rechte Rad bereits ins nasse Gras geraten. Das Lenkrad riss in ihren Händen. Ein dumpfer Schlag. Metall kreischte. Dann kippte der Wagen den Graben hinab. Alles wurde schwarz.

…

Ein stiller Moment

Die Tage bekamen ihren gewohnten Rhythmus zurück. Morgens ging Helge in den Stall oder hinaus zum Deich. Die Kinder verschwanden irgendwo zwischen Haus, Hof und Scheune. Pünktlich um zwölf wurde gegessen. Nachmittags gab es Kaffee und abends saßen alle wieder gemeinsam am Tisch. Es war ein Tagesablauf, über den niemand sprach. Er war einfach da.

Levke versuchte, Schritt zu halten. Sie kümmerte sich um den Haushalt, die Buchhaltung und die Wäsche. Bente und Mia kochten noch immer das Mittagessen. Alles andere blieb wie immer.

Dörte half inzwischen ganz selbstverständlich mit. Sie deckte den Tisch. Räumte das Geschirr ab. Fütterte die kleinen Lämmer mit der Flasche. Und morgens suchte sie längst nicht mehr nur ihre eigenen Sachen heraus, sondern auch die ihres kleinen Bruders. Niemand hatte sie darum gebeten. Es war einfach so geworden.

An diesem Morgen sammelte Levke Wäsche ein. Helges Pullover lag über einem Küchenstuhl. Seine Arbeitshose auf dem Boden im Flur. Jonne hatte seine Socken irgendwo zwischen Sofa und Haustür verloren. Als Levke sich bückte, zog ein stechender Schmerz durch ihre Schulter. Sie hielt inne. Dann richtete sie sich langsam wieder auf und schaute zum Fenster hinaus. Draußen fuhr Helge mit dem alten Trecker in Richtung Deich. Jonne war mit ihm unterwegs, während Dörte im Stall war.

Im Haus war es auf einmal so still geworden. Levke schloss kurz die Augen. Die Stille fühlte sich ungewohnt an und doch hatte sie das Gefühl, als wollte sie sie festhalten. Doch auf der Arbeitsplatte wartete schon der nächste Wäschekorb.

Plötzlich flog die Hintertür auf. »Mama!« Dörte kam mit roten Wangen in die Küche gestürmt. »Du musst mitkommen. Zu den kleinen Lämmern!«

Noch bevor Levke antworten konnte, hatte Dörte nach ihrer Hand gegriffen. »Langsam«, sagte Levke und verzog unwillkürlich das Gesicht.

Dörte ließ sofort los. »Entschuldigung.«

Gemeinsam gingen sie hinüber zum Stall. Drinnen war es warm. Aus den Buchten drang leises Blöken. Stroh raschelte unter ihren Schritten.

»Da.« Dörte zeigte auf eine kleine Box in der Ecke. Im Stroh lag ein schwarzes Lamm, kaum größer als eine Katze. Daneben stand das Mutterschaf. Es beobachtete jede Bewegung.

»Sie nimmt ihn noch nicht richtig an«, sagte Dörte. Levke sah ihre Tochter an. Mit einer Selbstverständlichkeit griff Dörte nach der kleinen Milchflasche. Sie setzte sich ins Stroh, zog das Lamm vorsichtig zu sich und hielt ihm den Sauger hin. »Ganz langsam«, murmelte sie.

Nach einem kurzen Moment begann das Lamm zu trinken. Dörte lächelte. »Siehst du? Jetzt klappt es.«

»Du machst das richtig gut«, sagte Levke leise.

Dörte zuckte mit den Schultern. »Opa sagt, ich hab das im Gefühl.«

Levke lächelte. »Das hat er zu mir früher auch immer gesagt.«

Einen Augenblick lang war sie wieder selbst ein kleines Mädchen. Sie sah das Stroh vor sich. Hörte das leise Blöken der Lämmer. Roch Wolle und Heu. Spürte die warme Milchflasche in ihren Händen. »Mama?«

Levke blinzelte. »Hm?«

»Meinst du, er schafft das?« 

Sie sah das kleine Lamm an. Es trank ruhig weiter.  »Ja«, sagte sie nach einer Weile. »Wenn man sich kümmert, schon.«

Dörte nickte zufrieden und strich dem kleinen Lamm vorsichtig über den Kopf. Draußen hörte sie Gelächter. Kurz darauf tuckerte der alte Trecker über den Hof. Levke blieb noch ein paar Minuten stehen.

…

Ein Auszug aus dem Roman „Was Frauen tragen – Die Geschichte von Levke“.


Der Roman „Was Frauen tragen – Die Geschichte von Levke“

Roman: Was Frauen tragen – Die Geschichte von Levke - Claudia Kerpa

Roman: ‎ Was Frauen tragen – Die Geschichte von Levke
Autorin: Claudia Kerpa
Erscheinungstermin: ‎ Oktober 2026
Sprache: ‎ Deutsch
Seitenzahl: ‎ 360 Seiten
ISBN: ‎ 978-3696794477
Preis: 17,90 Euro
E-Book: 4,99 Euro
Herausgeber: ‎ BoD
Buch bestellen:
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MeerART

Verliebt in den Norden - weil der Norden glücklich macht.

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Roman: Was Frauen tragen – Levke
Autorin: Claudia Kerpa
Erscheinungsdatum: 07. Oktober 2026
Preis: 17,90 EUR
Taschenbuch: 358 Seiten
ISBN: 978-3696794477
Herausgeber: Books on Demand

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