Was bleibt, wenn alles geht?

Ein sonniger Sommervormittag an der Nordsee im Watt und auf der Sandbank vor Westerhever // Foto: MeerART

Mats schloss die Augen. In ihm mischten sich Wehmut und Dankbarkeit. Tiefe Dankbarkeit für das, was gewesen war, und für das, was noch da war. Seine Tochter Liv, die er über alles liebte und die ihn für immer an Nora erinnern würde.

Es steckte so viel Nora in seiner Tochter. Als er darüber nachdachte, musste er lächeln.

Die vergangenen Jahre hatte er versucht, stark zu sein – für Liv, für den Alltag. Doch jetzt, wo alles etwas leiser geworden war, merkte Mats, wie sehr er sich selbst verloren hatte.

Noras Tod hatte ein riesiges Loch hinterlassen. Eines, das sich nicht einfach füllen ließ. Er hatte versucht, es mit Arbeit zu stopfen, mit To-do-Listen, mit Routinen. Er hatte sich immer mehr hineingestürzt in das, was ihm früher viel bedeutet hatte. Doch die große Leere blieb.

Der Wind wurde wieder etwas stärker und trug eine feine Salzspur über seine Lippen. Vielleicht, dachte er, war es genau das, was ihn hierhergezogen hatte – die Sehnsucht nach einem neuen Leben, aber ohne diese Leere.

Ein sonniger Sommervormittag an der Nordsee im Watt und auf der Sandbank vor Westerhever // Foto: MeerART

Ein Leben mit all den schönen Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Nora. An die unendliche Liebe zwischen ihnen, an unvergessliche Momente der Zweisamkeit und Vertrautheit. Ein Leben in tiefer Dankbarkeit für das, was sie gemeinsam erlebt hatten und eines mit einer neuen Zukunft, einem neuen Sinn.

Mats hielt inne, schloss die Augen und atmete einmal tief durch, als würde ihm für einen Moment eine Last von den Schultern genommen. Hier draußen gab es keine Deadlines, keine Präsentationen, keine Kundengespräche, keine dringend zu erledigenden Arbeiten am Haus, keine Erwartungen. Nur ihn und das Meer.

Hier, wo alles in Bewegung war, wo sich alles ständig wandelte, wo Neues entstand. Nichts blieb wie es war. Das wurde Mats an diesem Ort immer wieder bewusst. Die Natur hielt ihm den Kreislauf des Lebens und den steten Wandel eindrücklich vor Augen.

Er holte Noras Kamera aus dem Rucksack und betrachtete sie. Die Beschichtung des Gehäuses war an einigen Stellen abgenutzt, die Handschlaufe vom vielen Gebrauch ausgefranst. Er hob sie ans Auge, sah durch den Sucher. Das Bild war leicht unscharf, die Linse vom Sand ein wenig verstaubt. Trotzdem drückte er ab. Auf die Weite, auf das Licht, auf diesen einen Moment, der sich anfühlte, als würde er irgendwo tief in ihm etwas lösen.

Vielleicht war es an der Zeit, loszulassen.

Nicht Nora. Sie würde immer da sein – in ihm, in Liv, in all den schönen Erinnerungen. Aber all das andere, das Haus, den Job, den Druck, das ewige Funktionieren, den Verlust, die Trauer.

Ein sonniger Sommervormittag an der Nordsee im Watt und auf der Sandbank vor Westerhever // Foto: MeerART

Er wusste nicht, wie lange er dort saß. Die Sonne stand mittlerweile höher, Möwen zogen kreischend über ihn hinweg. Ein Gedanke formte sich, leise, fast zaghaft, aber er ließ ihn zu. Vielleicht musste man gar nichts festhalten, um nichts zu verlieren.

Vielleicht begann das Leben genau dort, wo man aufhörte, sich mit aller Kraft dagegen zu stemmen.

Mats holte seine Wasserflasche aus dem Rucksack und nahm einen großen Schluck. Dann griff er nach einem der Brötchen, biss hinein und schmeckte den leicht salzigen Teig – irgendwie passte das zu diesem Ort.

Er zog sein Handy aus der Tasche, um nachzusehen, wie spät es war und stellte erstaunt fest, dass er hier schon über zweieinhalb Stunden gesessen hatte.

Zeit spielte hier draußen keine Rolle, und doch überraschte es ihn. Er war die ganze Zeit so in Gedanken versunken gewesen, dass er völlig vergessen hatte, wie schnell sie verging.

Langsam stand er auf, klopfte sich den Sand von der Hose und sah sich um. Die Sonne war inzwischen deutlich höher gestiegen, die Wolken weniger geworden. Über der Sandbank tanzte das Licht und in der Ferne glitzerte das Meer wie flüssiges Glas.

Er nahm noch einen kräftigen Schluck aus der Wasserflasche, verstaute sie wieder im Rucksack und beschloss, gemächlich noch eine Runde über die Sandbank zu drehen. Dabei machte er einige Aufnahmen mit Noras Kamera. Jeder Schritt auf dem festen Sand fühlte sich leicht an – fast befreiend.

Ein sonniger Sommervormittag an der Nordsee im Watt und auf der Sandbank vor Westerhever // Foto: MeerART

Er genoss die Ruhe, die Weite und die Tatsache, dass er immer noch ganz allein war. Kein Lärm, kein Stimmengewirr, kein Summen von Telefonen. Nur das Rufen der Möwen und das leise Rauschen der Nordsee – sonst nichts.

Ein Stück weiter draußen zog ein Krabbenkutter seine Bahnen, im Schlepptau einen Schwarm Möwen, die auf Beute hofften.

Zwischen all den Eindrücken, die er wahrnahm, drifteten seine Gedanken immer wieder ab. Meist zu der Arbeit, die ihn schon lange nicht mehr erfüllte. Zu den Tagen, an denen er morgens in der Agentur saß, zwischen flimmernden Bildschirmen und hektischen Stimmen, während in ihm alles nach Stille schrie.

Die Welt der Werbung und Medien, in der er sich einst zuhause gefühlt hatte, war ihm längst fremd geworden.

Im Team fühlte er sich mittlerweile zunehmend wie ein Fremdkörper.

Mats lebte inzwischen in einer anderen Welt – einer ruhigeren, ehrlicheren. Es passte einfach vieles nicht mehr zusammen.

Ein sonniger Sommervormittag an der Nordsee im Watt und auf der Sandbank vor Westerhever // Foto: MeerART

In all den vergangenen Jahren hatte er so vieles geschafft, so vieles aufrechterhalten. Doch irgendwann blieb nur noch das Gefühl, zu funktionieren.

Und dann war da diese andere Stimme. Leise, aber beharrlich. Sie sagte: »Es reicht, Mats. Es darf jetzt auch wieder anders werden.«
Er dachte an die Idee, die schon länger in ihm schlummerte – ein einfacheres Leben, freier, mit leichtem Gepäck. Vielleicht ein Tiny House, etwas abseits gelegen, und ein kleines Wohnmobil – später, wenn Liv ausgezogen war.

Dann könnte er endlich die Touren durch Skandinavien machen, von denen Nora und er immer geträumt hatten. Touren durch Dänemark, Schwedens Wälder, entlang der norwegischen Fjorde – mit Zeit und ohne Eile.

Er lächelte, als er sich vorstellte, wie sie damals die Routen in alten Falk-Karten markiert hatten, mit farbigen Stiften und handschriftlichen Notizen am Rand.

Ein Auszug der Kurzgeschichte „Was bleibt, wenn alles geht?“ aus unserem Taschenbuch „Freie Gedanken am Meer“.


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Verliebt in den Norden - weil der Norden glücklich macht.

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