Die Frau, die nie mehr zurückwollte

Auf Stippvisite am Strand in Hamburg Blankenese // Foto: MeerART

Der türkisfarbene Seidenschal umspielte ihren Hals wie eine letzte Umarmung. Leicht, fast schwerelos, wie die Frau, die ihn trug. Sie stand auf der Steinterrasse hinter der Villa, einen Schritt entfernt vom Ballsaal, aus dem gedämpft Musik und Stimmen drangen. Chopin. Immer wieder Chopin. Leise Lacher, klirrende Gläser, das sonore Murmeln der besseren Gesell­schaft. Ihre Gesellschaft. Zumindest heute noch.

Ein letzter tiefer Atemzug.

Der Stoff auf ihrer Haut war kaum mehr als ein Flüstern – ein Kleid wie gemalt. Hoch geschlitzt, der Rücken frei, ein tiefer Ausschnitt, der mehr zeigte, als sie jemals freiwillig preisgege­ben hätte. Ihre Brüste zeichneten sich unter dem zarten Stoff ab, und einzelne Locken fielen ihr spielerisch aus der Hoch­steckfrisur in den Nacken. Sie sah aus wie das, was er aus ihr gemacht hatte: ein Kunstobjekt, ein Schmuckstück. Halb Elfe, halb Vamp. Nur schon lange nicht mehr sie selbst.

Er liebte es, sich mit ihr zu schmücken – besonders auf solchen Empfängen. Und wehe, in anderer Mann wagte es, sie anzu­sehen. Dann wurde aus Stolz Eifersucht. Aus Lächeln Wut.

Spätsommer an der Unterelbe am Falkensteiner // Foto: MeerART

Sie drehte sich nicht um. Nicht zu ihm. Nicht zu dem Mann, der sie lächelnd hatte gehen lassen, als sie sich für »einen Moment frische Luft« entschuldigte. Er hatte sie gemustert mit diesen Augen, dunkel wie Sturmwasser, gefährlich ruhig. Ein Nicken. Kalt. Kontrolliert. »Zehn Minuten«, hatte er gesagt. »Nicht mehr, meine Schöne.« Und sie hatte genickt. Wie immer.

Die Flucht

Wie ein Schatten hatte sie sich durch die Gesellschaft bewegt, hatte sich nicht einmal verabschiedet. Es war besser so.

Unten am Elbufer, nahe dem schmalen Weg zum Jenischpark, lag der kleine Busch mit der gespaltenen Wurzel. Versteckt dahinter der Rucksack. Ein altes, abgewetztes Ding, das nicht nach Blankenese aussah. Darin: Jogginghose, Kapuzenjacke, Bargeld, ihr alter Ausweis mit Geburtsnamen und die Snea­kers. Die Schuhe, die sie tragen würde, wenn sie nicht mehr existierte.

Spätsommer an der Unterelbe am Falkensteiner // Foto: MeerART

Sie kniete sich auf den feuchten Boden, schlüpfte aus dem Kleid, hastig, aber leise. Ihre Haut war kühl, fast durchsichtig im Mondlicht. Ein Zittern lief ihr über die Schultern, ob vor Angst oder Erleichterung konnte sie nicht sagen.

Das Kleid stopfte sie in den Rucksack. Die Jacke hatte sie schon übergezogen. Die Sneakers… Sie griff nach ihnen –
Ein Geräusch.

Ein knackender Zweig. Nicht laut. Aber da.

Ihr Herz raste. Adrenalin schoss ihr in die Adern. Kein Gedanke mehr an Vorsicht. Nur noch Flucht.

Spätsommer an der Unterelbe am Falkensteiner // Foto: Ralph Kerpa

Mit bloßen Füßen stieß sie sich vom Boden ab und rannte los, den Sandweg entlang, durch das trockene Gras, an knorrigen Bäumen vorbei. Der Seidenschal löste sich beim Rennen von ihrem Hals. Er flatterte kurz auf, wie ein bun­ter Fisch im Wind. Dann fiel er zu Boden, leicht und leise. Sie spürte es nicht. Sie blickte nicht zurück.

Der Sand war kalt, feucht, aber sie lief wie im Rausch. Jede Bewegung war eine Befreiung. Jeder Schritt ein Schnitt mit der Vergangenheit.

Am Ende des Wegs, kurz vor dem Alten Elbtunnel, ließ sie sich hinter einer Mauer in die Hocke fallen, die Brust keuchend, das Herz ein Trommelwirbel. Jetzt erst zog sie hastig die Sneakers über die nassen Füße, knotete die Schnürsenkel mit zittern­den Fingern. Der Sand klebte an der Haut, aber das war ihr egal.

Sie war zu weit weg, um zurückzuschauen und das war gut so.

Impressionen vom 1911 eröffneten alten Elbtunnel in Hamburg // Foto: MeerART

Als sie durch die dunkle Öffnung des Tunnels trat, umfing sie feuchte Kühle. Der Hall ihrer Schritte, das Echo ihres Atems – alles klang fremd und lebendig zugleich. Der Rucksack drückte gegen ihren Rücken, schwer vor allem mit Hoffnung. Ihre Gedanken jagten: Nicht stolpern. Nicht umdrehen. Nicht zweifeln.

Der T1 wartete auf der anderen Seite.

Mikkel hatte ihn fertig gemacht. Heimlich, liebevoll. Mit neuen Dichtungen, alten Polstern, einer ersten Verpflegung.Wenn sie ihn erreichte, war sie frei.

Sie rannte. Rannte um ihr Leben.

Ein Auszug aus dem Roman „Sinas Erbe – Die Frau, die nicht zurück wollte“.


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Roman: ‎ Sinas Erbe
Autorin: Claudia Kerpa
Erscheinungstermin: ‎ Dezember 2025
Sprache: ‎ Deutsch
Seitenzahl: ‎ 250 Seiten
ISBN-13: ‎ 979-8278449638
Preis: 14,50 Euro
E-Book: 4,99 Euro
Herausgeber: ‎ MeerART

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Meer, Wohnen & Genießen

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