Die Ostsee entfaltet im Winter ihren ganz eigenen Zauber und dem haben wir uns gestern hingegeben. Wir hatten wieder einmal Lust auf einen Küstenwechsel und fuhren deshalb an den Naturstrand von Norgaardholz nahe der Geltinger Bucht.
Als wir am Ufer standen, der Wind kalt im Gesicht und der Schnee wie eine dünne Decke über dem Sand, war es fast still. Kaum Stimmen, kein Sommerlachen, kein geschäftiges Treiben. Nur das Knirschen unserer Schritte und das leise, knacken der Eisflächen am Ufer.

Wir sind ein Stück am Strand entlanggegangen, haben uns immer wieder gebückt, um kleine Strandfunde aufzuheben. Mal ein rund geschliffener Stein, mal ein Stück Treibholz oder eine Muschel, die halb im Eis steckte. Dieses Suchen und Finden hat etwas Meditatives. Es zwingt uns, langsamer zu werden, den Blick zu senken, den Moment wahrzunehmen. Und ganz nebenbei wird der Kopf leiser.

Ein Spiegel unserer Zeit
Während wir dort gingen, wurde uns bewusst, wie sehr dieses winterliche Meer ein Spiegel unserer Zeit ist. Viele Menschen fühlen sich gerade zerrissen. Zwischen Hoffnung und Müdigkeit. Zwischen dem Wunsch nach Veränderung und der Angst vor dem, was diese Veränderung bedeuten könnte. Zwischen dem Bedürfnis, sich zurückzuziehen, und dem Anspruch, stark und handlungsfähig zu bleiben.

Von außen wirkt vieles vielleicht noch geordnet. Der Alltag läuft, die Termine werden eingehalten, Entscheidungen getroffen. Doch unter der Oberfläche ist Bewegung. Manchmal ist sie unruhig, manchmal kraftlos, manchmal kaum wahrnehmbar. Wie das Wasser unter dem Eis.


Auch wir kennen diese Phasen. Zeiten, in denen wir funktionieren, obwohl wir innerlich sortieren. Zeiten, in denen wir uns fragen, wohin die Reise eigentlich geht. Zeiten, in denen das Alte nicht mehr ganz passt, das Neue aber noch keine klare Form angenommen hat.

Die Kraft der rauen Tage
Das Meer im Winter zeigt nichts Beschönigendes. Es ist rau, klar und unverstellt. Und genau darin liegt eine leise Wahrheit. Leben bedeutet nicht nur Aufbruch und Sonnenschein, sondern es bedeutet auch Rückzug, Klärung und Aushalten.

Als wir am Ende unseres Spaziergangs mit kalten Fingern und geröteten Wangen zurückkamen, haben wir uns am Auto erst einmal mit heißem Tee gewärmt, die Hände um die Tasse gelegt und noch eine Weile aus dem Fenster auf das Wasser geschaut. Dieses bewusste Wärmen, dieses Innehalten nach der Kälte, fühlt sich fast wie ein Versprechen an: Du darfst gut für dich sorgen, gerade wenn es draußen und innen frostig ist.


Vielleicht ist genau das die Einladung dieser Zeit. Nicht alles sofort lösen zu müssen. Nicht jede Unruhe wegzudrücken und nicht jeden Riss im eigenen Empfinden gleich kitten zu wollen.
Manchmal reicht es, weiterzugehen. Schritt für Schritt. Den Blick offen zu halten für kleine Strandfunde im eigenen Alltag. Für das, was trotz allem schön ist und tröstlich, wahr.



Denn auch wenn eine dünne Eisschicht das Wasser bedeckt, bleibt darunter Bewegung. Strömungen verändern sich. Neues entsteht, lange bevor wir es sehen können.
Der Frühling kommt nicht, weil wir ihn antreiben. Er kommt, weil unter der Oberfläche längst etwas in Gang ist. Und vielleicht ist auch in dir mehr in Bewegung, als du gerade glaubst.

Was in dir darf sich im Stillen weiterbewegen?
Vielleicht brauchst du gerade keinen neuen Plan.
Sondern nur einen warmen Tee, einen ruhigen Moment und die Erlaubnis, nicht alles sofort wissen zu müssen.
Buchtipp: MeerPAUSE – Achtsame Auszeiten an der Ostsee

Autoren: Claudia Kerpa, Ralph Kerpa
Erscheinungsdatum: 20. Juni 2025
Preis: 19,00 €
Taschenbuch: 120 Seiten
ISBN: 979-8288927898
Herausgeber: MeerART








