Küstenvögel ziehen in die Arktis

Sie machen den Abflug

Knutts // Foto: Leander Khil / LKN.SH

Vermutlich kennt das jeder von sogenannten Gruppenreisen, unmittelbar vor dem Start mit Bus oder Flugzeug gibt es diese besondere Unruhe. Alle haben ihre Koffer gepackt und abgegeben. Man steht zusammen, ist gut vorbereitet und blickt doch gespannt auf das Kommende. Man will endlich los.

Ähnlich scheint es bei den Zugvögeln zu sein. Zumindest bekommt man das Gefühl, wenn man die Tausende von Knutts und Kiebitzregenpfeifer, Pfuhlschnepfen, Sanderlinge und anderen Watvögel beobachtet. Sie stehen in den Startlöchern, um in Kürze aus dem Nationalpark in ihre Brutgebiete an der russischen Eismeerküste abziehen. Laut ökologischen Jahreskalender des Wattenmeeres ist jetzt der stimmungsmäßige Höhepunkt.

Der Flug bringt die Vögel an ihre körperlichen Grenzen

„Dieser Flug bringt die Küstenvögel an ihre körperlichen Grenzen. Für sie ist es entscheidend, dass sie in den wenigen Wochen, die sie im Wattenmeer sind, genügend Nahrung finden und ungestört fressen können. Nur so können sie die nötigen Energiereserven anlegen“, sagt die Zoologin Jutta Leyrer, die in Mauretanien, Frankreich, den Niederlanden und im Dithmarscher Wattenmeer jahrelang untersuchte, welche Zugstrategien Knutts entwickelt haben.

Knutts Amrum // Foto: Martin Stock / LKN.SH

Es wird jetzt immer lauter auf den Wattflächen, neben den Rufen hört man mitunter den Balzgesang und sieht sogar Balzflüge einzelner Tiere. Überall ist eine Aufgeregtheit zu spüren, als würden sie einander zurufen „Bist du schon bereit? Weißt du noch, letztes Jahr? Es ist, als hätten die Vögel Respekt und Schiss vor dem langen Flug“, lacht die Wissenschaftlerin über ihre unwissenschaftliche Beschreibung.

Das Wattenmeer als Energietankstelle

Die erste Etappe haben die Küstenvögel bereits geschafft, denn vor drei Wochen sind sie aus ihren Überwinterungsgebieten in Westafrika zu uns gekommen. Rund 4500 Kilometer. Wenn der Wind mitspielt, dauert so ein Nonstopflug drei Tage. Seitdem ist nur noch fressen, fressen, fressen angesagt.

Der Trischendamm an der Nordsee bei Friedrichskoog-Spitze // Foto: MeerART

Bei Hochwasser rasten die Vögel auf den Salzwiesen und Sandbänken des Nationalparks. Aber immer wenn der Meeresboden zugänglich ist, tags wie nachts, suchen sie im Watt nach kleinen Tellmuscheln. Damit bringen sie ihre Körpermasse wieder von 120 auf 240 Gramm. Im Vergleich, für den Menschen wäre das eine tägliche Gewichtszunahme um drei bis fünf Prozent.

Wundersame Vewandlung

Beim Knutt geschieht aber noch viel mehr. Vor und auch während des weiten Fluges baut er seinen Körper physiologisch um. Magen und Darm, Leber, Nieren und Salzdrüsen bilden sich zurück, während die Flugmuskulatur verstärkt wird. Aus dem Fress-Knutt wird der Flug-Knutt.

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In den Tagen vor dem Abflug fressen die Tiere merklich weniger. Sie möchten los. Ihre Unruhe hat auch mit ihrem Gewicht zu tun, denn sie wollen nicht lange so schwer sein. Für die Küstenvögel kann das lebensgefährlich sein, da sie so weniger wendig sind und leichter von Wanderfalken erbeutet werden können.

Die Zahl der Knutts geht zurück

Natürliche Verluste dieser Art gab es schon immer und bisher konnte die Population das verkraften. Die in den 1980er Jahren begonnenen Rastvogelzählungen zeigen aber, dass die Bestände vieler arktischer Watvögel abnehmen. Laut dem Ornithologen Klaus Günther von der Schutzstation Wattenmeer ist die Zahl der Knutts in den vergangenen 25 Jahren um ein Viertel zurückgegangen. Im Auftrag der Nationalparkverwaltung koordiniert er das Rastvogelmonitoring im Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer.

Die Ursachen der Bestandrückgänge sind bisher noch nicht eindeutig, aber es wird vermutet, dass es mit dem Lebensraumverlust und dem schlechteren Nahrungsangebot zu tun haben könnte.

Knutts Japsand // Foto: Martin Stock / LKN.SH

Auch der Klimawandel wird künftig immer größeren Einfluss haben. In der russischen Arktis ist er besonders stark ausgeprägt. Die Schneeschmelze setzt dort bereits zwei Wochen früher ein als noch vor drei Jahrzehnten. Damit gibt es den Insekten-Überschuss entsprechend früher. Allerdings zu früh für die Küstenvögel. Die Küken der Knutts, deren Hauptnahrung Schnaken sind, schlüpfen leider erst später, dann, wenn die Insekten in der Tundra nicht mehr so häufig sind.

Zurück zum Abflug im Watt

Die Vögel starten meist abends. Bei niedrig stehender Sonne können die Tiere polarisiertes Licht am besten wahrnehmen und als Navigationshilfe nutzen. Anfangs steigen sie in Gruppen von einigen Hundert oder Tausend Tieren auf, kreisen etwas umher und ziehen dann bald in kleineren Gruppen und immer mehr Höhe gewinnend direkt in Richtung ihres Zieles, nach Nordosten, ab. Während zunächst noch gemischte Trupps beobachtet werden, sind es bald nur noch Vögel derselben Art, denn nur sie können dasselbe Tempo halten und untereinander kommunizieren.

Knutts Hallig Hooge // Foto: Martin Stock / LKN.SH

Radaruntersuchungen zur Folge, liegt die Reisehöhe der Knutts bei 1000 bis 1500 Metern. Dabei sind die Küstenvögel mit etwa 60 Stundenkilometern unterwegs. Die Taimyr-Halbinsel an der russischen Eismeerküste erreichen sie nach drei bis vier Tagen. Unterwegs verbrauchen sie das zuvor angefressene Fett. Weil bei der körpereigenen Fettverbrennung Wasser entsteht, brauchen sie keinen Zwischenstopp einzulegen, um zu trinken.

Nach der Landung auf Taimyr bauen sie ihren Körper erneut um. Die Flugmuskeln werden zurückgebildet, der Verdauungsapparat regeneriert, die Geschlechtsorgane aufgebaut. Aus dem Flug-Knutt wird der Brut-Knutt. Neue Gefahren und Erschwernisse drohen – aber das ist eine andere Geschichte des weltweit besterforschten Watvogels.

Tipp: Die Wege dieser Vögel kann man hier täglich verfolgen: https://www.nioz.nl/en/waddenflyways

2 Gedanken zu „Küstenvögel ziehen in die Arktis

  1. Liebe Claudia,

    einfach toll, Eure Bilder vom Vogelflug! (y) Von Knutts habe ich noch nie gehört. Wo sieht man die denn an der Küste?

    Liebe Grüße
    Karin

    1. Moin liebe Karin,

      in diesem Fall sind die Bilder vom Vogelflug leider nicht von uns. Die sind uns vom Landesküstenschutz zur Verfügung gestellt worden.
      Die sieht man überall im Wattenmeer, allerdings sind sie recht scheu und wie gesagt auch nicht immer da.

      Liebe Grüße,
      Claudia

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